Der kleine Traumbaum

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Text:  Heinz Güthling         Zeichnungen:  Alexandra Sandvoß

 

      In Liebe geschrieben für Gina und Linda !

 
 



"... es ist doch komisch!" dachte er. "Was hatte es bloß zu bedeuten,
wenn die Alten immer wieder von Standfestigkeit und Ausdauer sprachen?"

Es bereitete ihm großes Vergnügen, den Gesprächen der Alten
zu lauschen.

Zum Beispiel, wenn sie davon sprachen, wie wundervoll und aufregend
doch ein Baumleben sein konnte. Hatte es etwas mit seinem Gefühl zu tun,
fest verwurzelt alles über sich ergehen lassen zu müssen?
"Komisch" wiederholte er sich.





So gab es unendlich viele Fragen, die ihn beschäftigten. Warum fand sich
keine Antwort auf die Frage: "Wo komme ich eigentlich her?"

In den Gesprächen der Alten war wohl kein Platz für Antworten.
Sie hörten ihm nicht einmal richtig zu!

Eins jedoch war ihm klar - er war der kleinste und unerfahrenste Baum
in diesem Wald.


Ja - wahrscheinlich sogar der kleinste Baum auf dieser Erde.







Sein Beschluss stand fest: Dies musste und sollte sich ändern!







"Was mag sich wohl hinter den Bäumen, dem kleinen Hügel und
dem See verbergen, die heute noch als Ende meiner kleinen Welt
erscheinen?" grübelte er.

Sein Plan sah vor, zuerst einmal groß und stark zu werden.

Peinlichst achtete er darauf, dass seine Wurzeln nicht zu tief in die
Erde eindrangen. Als könnte dies sonst sein Vorhaben verhindern.

Wieder lagen Sommer und Herbst bereits hinter ihm.
Einem wogenden Himmelsmeer gleich, trieben die Zugvögel gen Süden.


Sie würden ihm fehlen, diese kleinen, vergnüglichen Freunde, die
zwitschernd, wie kleine singende Sterne, das Firmament zu einem
Musikzirkus machten.

Hätte er Augen, so würde er jetzt dicke Tränen weinen!






Tief in Gedanken versunken, geschah es nur selten, dass ihn Futter
suchende Tiere aus seiner Traumwelt in die klirrende Kälte zurückholten.

In seinen Träumen schwebte er mal hoch am Himmel wie ein Vogel, mal
hetzte er mit mächtigen Sprüngen durch das noch taunasse Gras -
wie eine Grille.






Er konnte kaum noch unterscheiden, wann es ein Traum und wann es  
Wirklichkeit war. Dieses unbeschreibliche Gefühl, das sich um sein
Baumherz legte - er wurde es nicht mehr los.

Seine Träume nahmen ihm die Last der schweren Schneebetten,
die auf seinen Ästen ruhten.

Seine noch so kleinen Blätter zitterten aufgeregt im eisigen Wind, wenn er
daran dachte, dass es ihm irgendwann gelingen könnte, seinen Platz
zu verlassen, um die Antworten auf seine Fragen zu finden und mehr von
dieser Welt zu sehen.

Wie die kleinen Häschen umherzuspringen. Wie die Vögel,
hoch am Himmel gleitend, die Welt von oben betrachten zu können.
Mit den Wolken dahinzuziehen. Ja - das wäre wunderbar!

"Ich werde es schaffen!" ermutigte er sich. So kann es nicht weiter"stehen"!

So vergingen Frühjahr um Frühjahr, Sommer um Sommer, Herbst
um Herbst, Winter um Winter, Jahr um Jahr.

Er gehörte nun zu den Bäumen, die dem Wind ohne Schwierigkeiten
trotzten. Die Schnee und Eis auf den Ästen mit Geduld und ohne
Verletzungen ertrugen.

Die kraftvolle Krone majestätisch und stolz im Wind. Groß genug,
Schatten zu spenden. Immer bereit, den Tieren Unterschlupf
zu gewähren.

Eines jedoch war geblieben: Voller Ungeduld fieberte er den Nächten
entgegen, in denen er, unbemerkt von den anderen Bäumen, seinen
Träumen nachgehen konnte.

Ach - wie er das doch liebte!

Er dachte nicht daran, jemals mit den anderen über diese Träume zu
sprechen, denn einmal hatte er es versucht.
Diesen Tag würde er nie mehr wieder vergessen können.

Nichts hatten sie verstanden!

Nicht einmal den Schmerz, den sie ihm zufügten, als vor Lachen ihre
Baumkronen zu brechen drohten.

Aber, so sind sie nun, die alten Bäume. Weise und knorrig.

Standhaft und ausdauernd leben sie so viele Jahre in ihrem Wald.
Spenden Schatten und gewähren Unterschlupf.

So blieb er allein mit seinen Träumen.

Er zog in Gedanken mit den Zugvögeln fort. Ohne auch nur ahnen zu
können, wohin die Reise ihn führen sollte.

Die Zugvögel - würden sie zurückkommen? Zurückkommen zu
ihrem verrückten alten Baum?

Könnte er doch nur ihre Geschichten verstehen, die sie sich hoch
am Himmel im Frühjahr wieder erzählen würden. Was würde
er dafür geben.

Die ersten flüchtigen Sonnenstrahlen des neuen Tages bedeuten
für ihn, zurückzukehren. Zurückzukehren in seine kleine Welt.

Seine kleine Welt - voller Hoffnung auf die kommende Nacht -
wieder eine Nacht voller sehnsüchtiger Träume.

Die wundervollen Geheimnisse dieser Träume bleiben den
alten Gesellen jedoch verborgen. Denn sie hatten ihr Kinderherz
bereits auf ihrem Weg zurückgelassen.

Ihr Kinderherz, das Geheimnisse verstehen konnte und die Wunder
dieser Erde noch entdecken wollte.

Zwar waren es auch eben diese Träume, die ihn spüren ließen,
dass Bäume nicht gehen werden können, um sich die Welt anzusehen.

Und dennoch - diese Träume sind der uneingeschränkte Schlüssel
zu den wunderschönen Dingen dieser Erde.

Sie sind es, deren einen niemand berauben kann.

Bewahrt sie euch!

Denn, wenn auch nichts mehr zu gehen scheint, sie werden euch  
weiterhin begleiten, euch nicht im Stich lassen!

In großer Liebe


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